Wann, wenn nicht jetzt...

... ist es Zeit für alles, was das Leben wirklich reicher macht? Für ein gelebtes, lässiges Selbstverständnis von Frauen, die sich mit + – 50 wohler, entspannter und besser fühlen als je zuvor – und genau das ausstrahlen. BeFifty ist ein Blog von drei dieser erfolgreichen Frauen – mit sehr konkreten statt allgemeinen Profi-Tipps und Themen rund um Fashion / Beauty / Travel.  Also los: Like to BeFifty.

Beate (Travel), Vanessa (Beauty) und Mischa (Fashion) (v.l.n.r.)

Aufbruch in die Ungewissheit

Inzwischen ist es vier Uhr morgens und ich trage noch immer die weiße Bluse, die ich für mein gestriges Treffen mit Mia angezogen habe. Ich wollte schön aussehen, ich wollte flirten in unserer Lieblingsbar. Ich wollte endlos reden und mit einem leichten Rausch ins Bett fallen – und dazu bitte Mias Bestätigung, dass alles gut war, wie es war.

Nichts von alledem hat sich verwirklicht. Ich habe auch Mia nicht getroffen. Am frühen Abend hatte das Telefon geklingelt. 030 – eine Berliner Nummer, die nicht eingespeichert war. Es war die mexikanische Botschaft, die mir mitteilte, dass sie von ihren Kollegen über einen Erdrutsch in der Provinz Jalisco in Kenntnis gesetzt worden waren. Prinzipiell reichte mir die Berichterstattung aus Fernsehen und Radio vollkommen aus, aber in diesem Fall dürstete ich nach mehr Informationen. Denn Arthur war im Auftrag irgendeines Amtes in Mexiko und sollte heute seinen Rückflug antreten. 

Die Dame bei der Behörde beruhigte mich, wobei es da nicht viel zu tun gab, denn prinzipiell neige ich nicht zur Hysterie. Anders als bei meinen lieben Freundinnen zeigte ich Angst oder Panik nicht nach außen, sondern wirkte lediglich wahnsinnig schusselig und unkonzentriert, weil mein Inneres versuchte, den Orkan, der durch meine Eingeweide tobte, im Zaum zu halten. Nach dem Telefonat wusste ich nur, dass Arthur nicht wie geplant zu einem Treffen mit Geschäftspartnern erschienen war und dass er vermutlich tags zuvor auf dem Weg aus dem Hinterland nach Mexiko Stadt von eben diesem Naturunglück erwischt worden war. Irgendwann hatte ich der Dame am anderen Ende nicht mehr richtig zugehört. Wie sie wohl aussah? Das bloße Gefühl, sie handle ihre Checkliste ab, die es für ebensolche Fälle von offizieller Seite gab, machte mich wütend und ich hatte irgendwann aufgelegt. Vermutlich hakte das dünne Stimmchen weiter ihre Agenda ab, ohne zu merken, ich als Empfängerin ihrer Botschaften schon längst nicht mehr in der Leitung war. 

Danach hatte ich Stunden in der Küche gesessen. Es war gut, dass die Kinder aushäusig übernachteten: Ich hatte mir eine Flasche Ouzo genommen, ein Glas mit Eiswürfen gefüllt und versucht meine Nerven mit dem scharf-süßen Elixier zu beruhigen. Wer mich nicht kannte, hätte denken können, eine Frau Anfang 50 sitzt vereinsamt in der Küche und betrinkt sich mit billigem Fusel statt einem guten Rotwein, von dem wir einige Kisten im Keller hatten. Wobei der Ouzo auch schon eine der besseren Sorten war, wie ich beim Blick auf das Etikett erkannte.

Das würzige Gebräu verfehlte seine Wirkung. Und zwar komplett. Es war immer wieder ein Wunder, was Adrenalin – wovon ich inzwischen eine Menge in meinen Adern hatte – zu leisten vermochte. Wieder lief in meinem Kopf ein Film ab. Die Spule mit Felix hatte der Vorführer allerdings in die Tonne geworfen, wie man das mit Low-Budget-Inszenierungen eben so macht. Was jetzt in meinem Kopf ablief, war ganz großes Kino und hätte es spielend mit Dr. Schiwago oder Anna Karenina aufnehmen können. Meine Begegnung mit Arthur und unsere ersten vorsichtigen Dates waren die ersten Kapitel, die mein Kopfkino mir bei den ersten hastigen Verzweiflungsschlucken präsentierte. Pistazienschalen lagen auf dem hölzernen Küchentisch und ich wünschte nichts mehr jetzt und hier her, als Arthur, der sich darüber beschwerte. Denn ich verteilte die Schalen überall, ohne es zu merken. Wobei es mir auch egal war. Waren doch nur Schalen. Heute hatte ich nicht einmal gemerkt, dass ich die leckeren kleinen Dinger überhaupt geknackt, geschweige denn gegessen hatte.

Ich war ratlos, wie ich mit Arthurs Verschwinden umgehen sollte. Klar war, dass die Strategie der dünnen Stimme „Frau de Jong bleiben sie ruhig, alles wird sich klären“ nicht funktionieren würde. Also nicht für mich. Für andere vielleicht. Aber nicht für mich. Wie sollten sich Dinge klären, wenn niemand sich kümmerte? Ich meine, aktiv kümmert. Nicht an einem Amtstelefon der Dinge harren, die da in Mexiko besprochen und geplant wurden. Das gab mir Null Sicherheit, geschweige denn Ruhe und es fiel mir auch schwer zu glauben, dass die deutsche Behördenmühle am Freitagabend und am Wochenende mit genau derselben Geschwindigkeit malte, wie sie das von Montag bis Donnerstag tat. Wenn sie überhaupt irgendetwas bewegte. 

Dieses Gefühl völliger Machtlosigkeit und der totalen Auslieferung an fremde Menschen und deren System missfiel mir und machte mir schlichtweg Angst. Das zumindest musste ich mir eingestehen. Und zwar so richtig. Und dieser Ganzkörperknoten, der mich verschnürt und kaum atmen lässt, wird auch jetzt nach dem gefühlten zehnten Glas Ouzo nicht lockerer. Einzig der Film in meinem Kopf läuft etwas langsamer und irgendwie ist alles auch merkwürdig verschwommen. In einem Ouzo-Tränen-Nebelvorhang surfe ich durch das Internet und versuche meine Informationsdefizite auszugleichen und mir selbst Sicherheit zu geben. So war das schon an der Uni.

Jetzt erst bemerke ich den Blutfleck auf meinem weißen Blusenärmel. Beschämt schaue ich auf meine Hände und sehe, dass ich die Nagelhaut am Daumen so sehr abgezupft habe, dass es zu bluten begonnen hat. Ich spüre den Schmerz nicht. Ich habe das Gefühl, ich habe eine Tonne Wattebäusche im Bauch und alles – inklusive des Ouzos – wird von ihnen aufgesogen. Geräusche werden gefressen, Gerüche erreichen mich so flüchtig wie die schwere Süße der Bachwaren aus der Bäckerei auf der anderen Straßenseite. Nichts erreicht mich. Und das ist auch der Grund, warum nichts aus meinem Inneren nach außen dringt. Wer mich sehen könnte, sähe einfach nur diese einsame Frau mittleren Alters am Küchentisch, die sich allein betrinkt, während sie mit Pistazienschalen um sich wirft. Und die in Ermanglung an Nachschub irgendwann anfängt, an ihrem Daumen zu knabbern.

Ich greife nach meinem Handy und rufe Arthur an. Höre die Stimme vor dem Piep. Da endlich zerbröselt meine Mauer — unmerklich, aber langsam bröckelt bruchstückhaft Stein für Stein aus Souveränität und Coolness, aus Fröhlichkeit und Lebensfreude von meinem mich umgebenden, schützenden Haus und entblößt mich bis zur völligen Nacktheit. Ich bin hilflos, ratlos, überfordert und habe furchtbare Angst, dass bald nichts mehr so sein wird, wie es immer war. Die Panik ist da. Kein Gedanke mehr an die Noten der Kinder, keine Frage nach Men-only und irgendwelchen Schwulenportalen, die mein Mann vielleicht besucht hat. Egal die Kontoauszüge mit ominösen Buchungen. Kein junger, gut aussehender Felix, dem ich in Neuseeland vor einigen Monaten mit meinen Händen durch das Haar fuhr. Noch während ich mich frage, ob all das klein und unwichtig ist, was da an Leben mit mir und um mich herum passiert, weiß ich: Nur Arthur ist jetzt wichtig. Weil er das ist, was mich vervollständigt. Weil ich ohne ihn leben kann, aber weil das ein Leben wäre, was ich nicht leben will. Jedenfalls nicht jetzt. Ich habe nie an meiner Liebe zu Arthur gezweifelt. Natürlich fehlen in meinem Alter einige Dinge, die uns von dem Paar vor 20 Jahren unterscheiden. Aber ist das nicht normal? Und muss das per se denn immer negativ sein? Ist nicht dort wo etwas fehlt, vielleicht etwas anderes hinzugekommen? Etwas, das man so selbstverständlich hingenommen hat, dass man es nie genau betrachtet und wertgeschätzt hat? Das man nie lieben gelernt hat, weil es so präsent war, dass es schon wieder unsichtbar war?

Fragen über Fragen und ich schäme mich, dass ich sie mir erst jetzt und erst in dieser Nacht stelle. Ich höre meinen Vater zu mir sagen, dass das völlig normal sei. „Ohne wirklichen Leidensdruck stellen sich die wenigsten Menschen den wirklich wichtigen Themen des Lebens, mein Kind“. 

Ich mache mich auf die Suche nach dem Tablet und sehe Samson in seinem Schlafkorb liegen. Sein Fell ist längst gewachsen und in das rote Braun beginnen sich blasse Grautöne zu schleichen. Kater Samson, sowas wie unser drittes Kind, hebt verschlafen die Brauen und schaut mich fragend an. Ich streichle ihm den Kopf und drücke ihn sanft in seinen Korb zurück. Als spürte er, wie unruhig ich bin, sitzt er nach meiner Tabletsuche auf dem Küchenstuhl und schaut mich fragend an. „Na mein Freund? Irgendwelche Ideen wie wir dem Papa jetzt helfen können?“. Ich öffne den Browser und navigiere zur Flugbuchung. Kein paar teure Schuhe und kein Kleid landete jemals so schnell in meinem virtuellen Warenkorb wie dieser Flug ins mexikanische Hinterland, den ich bereits in wenigen Stunden antreten werde. 

Ich stehe auf und blicke auf die vielen zerrupften Papier-Taschentücher auf dem Küchentisch hinab. Ich höre die Pistazienschalen unter meinen Füßen knirschen und sehe die Ouzo-Flasche auf dem Tisch. Ich erkenne den Blutfleck auf der Bluse und die Fetzen Papiers und getrockneten Blutes, die an meinem Daumen haften. Mein Mund fühlt sich schal und fade an. Ich gehe in den Keller und hole den alten Backpacker-Rucksack aus Jugendtagen nach oben. Der Luxus-Weekender im Regal erscheint mir heute so überflüssig wie nie in meinem Leben. Ich lege den Kindern eine Nachricht auf den Tisch und fülle Samsons Napf für die nächsten Tage. Dann steige ich in die Dusche. Ich drehe den Hahn auf Anschlag. Kalt. Ich möchte schreien, so schmerzhaft trifft mich der eisige harte Strahl spitzer Tropfen. Ich schweige und beiße die Zähne zusammen. Sperre alle Laute in mir ein. Labe mich an der Energie, an dem Druck der in meinem bibbernden Körper entsteht. Ich behalte alles in mir. Verschnüre es zu einem Paket aus Zuversicht und Kampfgeist. Eine knappe Stunde später sitze ich in meiner ältesten Jeans, einem viel zu großen Hoodie von Arthur und meinen Boots im Taxi. „Wohin geht die Reise?“ Ich will zu meinem Mann. 

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