Wann, wenn nicht jetzt...

... ist es Zeit für alles, was das Leben wirklich reicher macht? Für ein gelebtes, lässiges Selbstverständnis von Frauen, die sich mit + – 50 wohler, entspannter und besser fühlen als je zuvor – und genau das ausstrahlen. BeFifty ist ein Blog von drei dieser erfolgreichen Frauen – mit sehr konkreten statt allgemeinen Profi-Tipps und Themen rund um Fashion / Beauty / Travel.  Also los: Like to BeFifty.

Beate (Travel), Vanessa (Beauty) und Mischa (Fashion) (v.l.n.r.)

Harte Landung in der Realität

Ich habe Recht behalten! Ehemann und Brut saßen bei Mama am Küchentisch und amüsierten sich prächtig. Bis zu dem Moment, als ich, die „Rabenmutter der Nation“, in der Tür meines Elternhauses stand. Die Stimmung kippte binnen Millisekunden von völliger Freude -– der ich mich ob der Enttäuschung am Flughafen nicht anschließen konnte –- zu einem peinlichen berührten Schweigen, das sich wie Nebel über die gefüllten Teller senkte. 

Ich hatte sie alle kurz in den Arm genommen, mich dann aber schnell wieder verabschiedet. Denn der letzte Ort, wo ich nach einem 48-Stunden-Trip sein wollte, war die Küche meiner Mutter. Voll von Reliquien eines langen Lebens, fühlte ich mich dort seltsamerweise immer noch wie das junge Mädchen von einst. Meine Mutter kannte mich seit 50 Jahren und wusste, dass sie sich mit einem „Ach Kind, iss doch auch einen Teller mit“, auf sehr dünnes Eis begab. Ich hatte auch überhaupt keine Lust auf irgendein oberflächliches Geplauder. 

Heute war es mir mehr als recht, wenn wir diesen innerfamiliären Konflikte mit derselben Nonchalance unter den Teppich kehrten, wie wir es in all den Jahren zuvor schon getan hatten. Ich wollte meine Wut und Enttäuschung darüber, dass mich meine Familie am Flughafen vergessen hatte, viel lieber in einem Vollbad ertränken und den Wutknoten in meiner Kehle mit einem Schluck Merlot auflösen. 

Inzwischen sind ein paar Wochen vergangen. Langsam, aber wirklich ganz, ganz langsam, schwinge ich mich wieder ein. Dennoch gibt es diese Tage wie heute, an denen mir mein Leben völlig irreal erscheint. Ich schwebe seltsam zwischen den Welten. 

Der, als Mutter und Ehefrau und der, aus Visionen und Träumen, die ich in Neuseeland wiederbelebt habe. Dort, wo die Landstriche so einzigartig sind, wie die Möglichkeiten, die mir mein Leben bietet. Ich bin nicht mehr dort. Ich bin aber auch immer noch nicht hier.

Das Schlimme daran: Im Moment weiß ich nicht mehr so richtig, wo ich hingehöre.

Gegen Kopfkino und diffuse Jetleg-geschwängerte Gedanken gibt es für mich nur ein Rezept: Kaffee und der, wenn möglich schweigend und allein. Am liebsten sitze ich dann auf der Arbeitsplatte der Kücheninsel. Ich mag diesen Rundumblick. Arthur findet es albern, dass ich mit 50 Jahren immer noch wie ein Teenager auf der Arbeitsplatte lümmle. Noch dazu wird er nicht müde, unsere wahnsinnig modernen Designer-Küchenstühle und ihre Qualität zu loben. Aber Arthur ist eben auch konservativ und noch dazu: Berater und Banker.  

Im Obergeschoss rumoren K1 und K2 und machen sich bereit für einen neuen Tag. Besonders gesprächig sind sie morgens nicht. Das finde ich gut. Ich ertappe mich aber auch immer öfter bei der Frage, ob ich deshalb eine schlechte Mutter bin.

Und das hat bereits begonnen, als ich vor ein paar Monaten beschloss, Mann und Kinder (ausgerechnet vor Weihnachten!) „im Stich zu lassen“, wie meine Mutter nicht müde wurde, mir immer wieder vorzuhalten. 

Ich spare mir bewusst das Adjektiv, denn meine Kinder sind weder süß, noch liebreizend, noch wunderbar. Jedenfalls nicht im Moment. Ich muss mir immer sehr genau überlegen, wo ich mich zu diesem Thema äußere, weil ich durchaus Freunde habe, die ihre Kinder vergöttern. Ernte ich diese missbilligenden Blicke, frage ich mich immer, ob ich die einzige Mutter bin, deren Kinder nicht durchschlafen wollten. Oder ob niemand wie ich die Küche neu pinseln musste, nachdem der Nachwuchs in einer unbeobachteten Sekunde die Küchenwand zum Spinatweitwurf-Ziel erkoren hat. Inzwischen pubertieren die „lieben Kleinen“ und stehen noch dazu kurz vor dem Abitur. Das macht es aber nicht besser!

Vor allem, weil mein Mann in Zeiten wie diesen einen sehr guten Schulabschluss für unerlässlich hält. Ich finde das (leider) auch, sage es aber nicht ganz so laut, um wenigstens einen Sympathiepunkt mehr als er bei meinen Kindern einzuheimsen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich liebe meine Kinder aus ganzem Herzen. Dennoch gebe ich zu, dass ich in den vergangenen 16 und 17 Jahren gern das eine oder andere mal von meinem Umtauschrecht Gebrauch gemacht hätte! Damit bin ich allerdings in meinem Freundeskreis so ziemlich alleine.  

Außerdem bin ich im Moment im Wandel. Und das ist alles andere als einfach. Okay? Sonst wäre es ja auch kein Wandel, sondern nur eine Phase. Ich sehne mich nach einem anderen Leben. Und weiß nicht, nach welchem. Fakt ist, dass ich froh bin, wenn ich die Brut aus dem Nest schubsen kann. Lucas macht sein Abitur in ein paar Monaten, Annalena folgt im nächsten Jahr. Ich will nicht daran denken, was passiert, wenn einer von beiden das Abitur so richtig verkackt. Im Moment sieht es gut aus, was nicht zuletzt durchaus üppigen Zahlungen an diverse Nachhilfelehrer geschuldet ist. 

Ich mag die Küchenarbeitsplatte, bietet sie mir doch einen nahezu uneingeschränkten Rundumblick auf mein Zuhause. Da steht zum Beispiel diese Rehskulptur im Garten. Im Moment schaut sie recht vorwurfsvoll durchs Wohnzimmerfenster herein. Zumindest interpretiere ich ihre Bambi-Augen so. Arthur hat sie irgendwann von einem kanadischen Geschäftsfreund geschenkt bekommen. Mittels Mini-Autokran hatten wir die Figur vor mehr als einem Jahrzehnt in unseren Garten gehievt, nachdem sie Wochen beim Zoll verbracht hatte. Mit der, jedem deutschen Zollbeamten wohl typischen Akribie, hatte man Bambis Bauch auf Schmuggelware untersucht, nachdem das kupferfarbene Tier in seinem Holzverschlag am Münchner Fluhafen ankam. Annalena und Lucas hatten sich sofort in Bambi verliebt. 

Damals als beide noch sehr klein waren, war Bambi ihr erstes Haustier, was auch für Trockenübungen in Vorbereitungen auf den ersten Reitunterricht missbraucht wurde. Nachdem Annalena einmal beim Voltigieren gescheitert war und Lucas Opfer von Lasso Übungen seiner Schwester, hatten beide eine Narbe am Kopf. Und kein Interesse mehr an Reitunterricht. 

Später muss ich das Familien-Bambi vom Schnee befreien. Im Winter eine wöchentliche Routine. 

Irgendwie ist derzeit alles Routine und irgendwie will ich das gerade nicht. Ich will diesen Wandel und ich weiß nicht wie. Und ja: Ich habe schon Angst davor, dass mein Leben an mir vorbeizieht und ich mich irgendwann frage, wozu das alles gut war. Ich würde das nie laut im Kreise meiner Lieben sagen, aber dann sind da wieder die Momente, in denen ich einen bibbernden kahlrasierten Kater vorfinde. Das sind die Sekunden, die mich der Kraft eines Vorschlaghammers in die Gegenwart zurück katapultieren und mir klar werden lassen, dass meine Familie und natürlich der Kater mich brauchen. 

Doch was brauche ich?

Ein guter Anfang wäre etwas mehr Harmonie. Denn unser Haussegen hängt schief. 

Sehr schief sogar. Mein lieber Arthur hat sich nämlich, während ich im Flieger aus Neuseeland saß, mit einem Freund beim Weinkauf festgequatscht. Prinzipiell finde ich das super, denn Wein ist für meinen Mann eine Leidenschaft, wie für andere Fußball. Für den interessiert er sich zum Glück überhaupt nicht. Hier kommt also durchaus ein Punkt auf der „Positiv-Liste“.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie mich zumindest in diesem Punkt ein klein wenig beneiden. Warten sie’s ab: Noch sind wir nicht beim Thema Kindererziehung oder „handwerkliche Fähigkeiten“ (derzeit glaube ich „Skills“ genannt). 

Doch zurück zum schief hängenden Haussegen und den nackten Tatsachen, die auf vier Pfoten derzeit durch unser Haus wandeln: Mein lieber Mann hat sich nicht nur verhockt, sondern ist danach auch noch Auto gefahren. Das macht mich so richtig sauer. Vorbildfunktion und so. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat allerdings die Tatsache, dass er bei der Einfahrt zum Haus die Kurve auf winterlich glatter Straße nicht bekommen hat. Und dabei einen Buchsbaum umgefahren hat, unter dem unser Kater Samson saß. 

Es folgte eine Notrasur, weil der junge Arzt in der Tierklinik genauso überfordert war, wie Arthur in jungen Jahren als Vater. Und im Grunde auch heute noch. Am Ende des Tages entpuppte sich das Übel als heftig blutende Verletzung am Ohr. Die wurde dann geflickt und genäht, aber da war die prophylaktische Komplettrasur eben schon gelaufen. Und dann haben alle de Jongs sich schlichtweg in meinem Ankunftstag vertan und gingen davon aus, dass ich für den Rückflug zwei Tage brauchen würde, wie für den Hinflug auch.

Kaffee kalt pustend und das starke Gebräu genießend betrachte ich Samson, den nackten Kater, der das Schaf-Fell vor dem Kamin zu seinem neuen Lieblingsplatz erkoren hat. Wir haben es beide gerade nicht wirklich leicht.

„Mama, heute wird es später. Ich habe Fahrschule“. Und schon ist K1 mit einem lauten Türknall verschwunden. 

Wunderbar! Ein freier Nachmittag für mich und ohne Fahrdienst für meinen Großen. Der Tag beginnt vielversprechend. „Bin auch weg.“ Ich erhasche einen letzten Blick auf meine Tochter, bevor sie zur Mutter ihrer besten Freundin ins Auto entschwindet. 

I am, what I am I don’t want praise I don’t want pity, I bang my own drum

Some think it’s noise I think it’s pretty ... 

Ich liebe Gloria Gaynor und diese Hymne der 1980er Jahre und suche meine Umgebung nach meinem singenden Smartphone ab.  

Zwischen Kaffeeautomat und mehr etagiger Obstschale tanzt und vibriert das silberne Gerät zu meinem Lieblingssong.

Eine gekonnt drehende Lab-Dance Figur auf der schwarzen Küchenarbeitsplatte und schon halte ich mein Telefon in Händen. Meine Tochter. „Mama, ich habe vergessen, Bescheid zu sagen, dass es heute später wird. Wir gehen noch in die Flüchtlingsunterkunft und helfen Klamotten zu sortieren.“

Meine Jüngste engagierte sich mit Herzblut in der Flüchtlingshilfe, was Arthur zunehmend missfiel. Mein Mann war zwar liberal, sondern eben auch sehr ruhig. Ich hatte ein paar hitzige Diskussionen vom Zaun brechen müssen, um zu verstehen, dass es ihm in keinster Art und Weise um die Hilfsbereitschaft seiner Tochter oder gar um die Flüchtlinge ging. Er hatte schlichtweg Angst, dass sie ihr Abitur nicht schaffen würde. Seine Lena, wie er sie liebevoll nannte, war ein schlaues Kind, hatte allerdings wenig von dem Karrierebewusstsein ihres Vaters geerbt. 

Noch während mein Kopf diese Information verarbeitet, rolle ich mich in die Ausgangsposition zurück. Ein großer Fehler!

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Bald geht es weiter mit: "Warum mein Leben immer mehr zum Geheimnis wird".

Kleine Anmerkung von den BeFiftys: In "Warum mein Leben immer mehr zum Geheimnis wird" geht Dorothee D. ins Eingemachte. Ganz nah an der Realität. So nah, dass wir mit Lachtränen vor dem Computer saßen. Aber mehr wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: der ein oder andere Punkt kam uns sehr vertraut vor.

Mischas Stylingvideo:  Faltenrock

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Hitze ? Wir haben den schnellen Frische-Kick!

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