Wann, wenn nicht jetzt...

... ist es Zeit für alles, was das Leben wirklich reicher macht? Für ein gelebtes, lässiges Selbstverständnis von Frauen, die sich mit + – 50 wohler, entspannter und besser fühlen als je zuvor – und genau das ausstrahlen. BeFifty ist der Blog von Beate, eine dieser erfolgreichen Frauen – mit sehr konkreten statt allgemeinen Profi-Tipps und Themen rund um Fashion / Beauty / Travel. Also los: Like to BeFifty.

 

 © Foto: Johanna Link / Donna Magazin 

© Foto: Johanna Link / Donna Magazin 

Was blaue Pariser und graue Moskauer mit meinem Mann zu tun haben

„Ich muss mal raus und etwas Abstand gewinnen.“ Das war alles, was ich vor einigen Monaten bei einem Abendessen über die Lippen gebracht hatte. In derselben Nacht hatte ich noch lange mit Arthur gesprochen und von der Idee, mir wieder einen Job zu suchen. Sein Schweigen damals machte mir selbst jetzt, einige Wochen später, noch ein unwohles Gefühl in der Bauchgegend. Obwohl wir so lange zusammen waren, hatte ich manchmal das Gefühl, als hätte Arthur mich nie richtig gekannt. 

Ich war verwirrt, schob das allerdings auch auf den Interkontinentalflug und meine völlige Erschöpfung. Der Kopf auf meiner Schulter zuckte hoch und sah mich verwirrt und beschämt an. Gleichzeitig mit dem Riss des weißen Speichelfadens und seiner Entdeckung durch die Verursacherin, errötete diese und trat fluchtartig den Weg zum WC an. Ich nutze die Gunst der Stunde und zwängte 1 Meter und 75 schlanke Zentimeter aus dem Sitz in den Gang. Freiheit. Zehen rollend, Nacken dehnend stolzierte ich in meiner grauen Cargo Hose wie eine Gazelle über den grauen Teppich des Fliegers. Grauer Teppich, graue Kunststoffverkleidung, graue Sitze mit blauem Muster. Bei genauer Betrachtung war das Leben in der Luft grau in grau und so dankte ich im Stillen dem Designer, der mit diesen grünen Socken etwas Farbe in mein Leben brachte. Eigentlich ziemlich viel grün, denn wenn ich mich nicht täuschte, waren da 1200 grüne Füße mit 6000 Zehen, die rollten, wippten und zur Musik tippelten und wie ich sehnlich auf Bodenkontakt warteten. Während ich mich dehnte und stretchte, wollte ich auch meinen Kopf in Schwung bringen: Ich versuchte auszurechnen, wie viele lackierte Nägel sich denn wohl in diesem Flieger befanden. Ginge man davon aus, dass etwa die Hälfte aller Fluggäste weiblich war und sich davon der Großteil die Nägel lackierte, müssten das dann …

Unsanft drängte mich eine Araberin mit Vollverschleierung zur Seite. Lackierten die eigentlich auch? Durften die das? Ich verwarf meine Rechenaufgabe als nicht lösbar, denn beim Anblick des schräg vor mir sitzenden und offensichtlich schwulen Mannes kam die Frage nach Männern die lackieren auf. Das alles war absurd.

So erfolgreich mein Mann Arthur im Berufsleben war, so wenig verstand er leider von Haushalt und Kochen. Und seine Nägel lackierte er gottlob nicht, feilte aber in unbeobachteten Momenten akribisch an ihnen herum. Meine Mutter Eva nannte ihn nach 5 Gläsern Sherry auch gern einen familiären Totalversager, aber in ihrem tiefsten Innern mochte sie ihn dann doch. Ein bisschen wenigstens. Schließlich machte er mich auch bereits fast 25 Jahre glücklich. Meistens jedenfalls. Auch, weil er nicht jeden Abend und jeden Morgen präsent war, sondern sich vornehmlich in Hotels aufhielt. Aufgrund seiner vielen Reisen konnte man ihn auch nicht als Inbegriff eines Mustervaters bezeichnen. Er liebte seine Kinder, seine restlichen Kompetenzen hätten allerdings zum Hungertod oder zum Seuchenalarm in der Familie geführt. Denn nach wie vor, brachte er jedes Kleidungsstück in die Reinigung oder rief den Zimmerservice und versorgte die Kinder mit Essen vom Take away. Putzen kannte und konnte er nicht, für ihn war das Haus auf wundersame Weise stets sauber, wenn er einen 100-Euro-Schein auf die Kommode gelegt hatte und ich den Zettel mit „Hallo Clara, plane die Bad-Runde nächste Woche bitte für den Freitag ein.“, dazu. 

Im schlimmsten Fall hatten er und K1 und K2 also 24 Tage lang Burger oder ähnlich ungesunde Sachen in sich hineingeschoben. Es sei denn, die Not war so groß gewesen, dass sich Artur und K1 und 2 dazu hatten durchringen können, am Heiligen Abend zu meiner Mutter Eva zu fahren, und dort auf meine jüngere Schwester nebst Lebensgefährtin zu treffen. Vorstellen konnte ich es mir nicht, denn Arthur mochte weder meine Schwester Anne noch bestand zwischen meiner Mutter und ihm ein besonders liebevolles Verhältnis. Ich war gespannt, ob der Hunger K1 und K2 so weit getrieben hatte, dass sie zu Oma wollten. Anne und Katrin als Frauenpaar waren ihnen egal, denn ich hatte sie tolerant erzogen. Aber: In Omas Haus herrschte absolutes Handy- und Medienverbot bei Familienzusammenkünften. Das war vor Jahren bereits einmal so ausgeufert, dass meine Mutter Arthurs klingelndes Handy an sich gerissen hatte und einem Staatssekretär erklärte, die Familie sei gerade bei Tisch. Meine Mutter machte in unmissverständlichem Ton klar, dass dies der letzte Tag gewesen sei, an dem Tablets und „der ganze andere bimmelnde Kram“ über die Schwelle zum Wohnzimmer kamen. Würden wir uns als Familie nicht daran halten, könnten wir keinen Tag länger mit Unterstützungen jeglicher Art von ihr rechnen. Arthur, Anne, Katrin und ich hatten uns angesehen und genau gewusst, was das bedeutete. Und diese Aussichten waren keineswegs vielversprechend.

Für Anne kein entspanntes Leben als freischaffende Malerin, sondern Fokus auf den Verkauf ihrer Werke. Für mich und Arthur einen schmalen Gürtel, wenn die Kinder auf gute Unis sollten und wir als Familie gleichzeitig das Haus, zwei Autos und alljährliche Reisen genießen wollten. Mein Mann arbeitete immer mal wieder für diverse Politiker als Berater, was meine Mutter nicht im Geringsten beeindruckte. Arthur sicherte uns damit einen guten Lebensstandard, machte uns aber nicht gleich zu reichen Leuten.

 „Würden Sie sich bitte auch noch anschnallen?“, wies mich der gutaussehende Stewart auf mein Versäumnis hin und schlängelte sich weiter durch den Gang des A380. Rotgesicht kam zurück und ich platzierte meinen Körper wieder im Mittelplatz und spürte im selben Moment, wie die Ödeme in den Beinen wieder die Vorherrschaft über meinen 50 Jahre jungen Körper gewann. Ich ließ die Schnalle einklicken und sah auf die unter uns liegenden Felder und Bauernhöfe hinab.

So schnell waren diese drei Wochen vergangen. Ich hatte mir alle erdenkliche Mühe gegeben, um meinen Lieben die Zeit meiner Abwesenheit möglichst bequem zu gestalten. Und ja, irgendwie hatte ich auch ein schlechtes Gewissen, denn – O-Ton meiner Mutter – eine anständige Frau lässt ihre Familie nicht einfach drei Wochen im Stich. Und vor Weihnachten schon gar nicht. Ich hatte vorgekocht und kiloweise Tupperware in der Kühltruhe im Keller deponiert. Ich hatte 15 Kleidungsvarianten für Arthur fotografiert und ihm innen in den Kleiderschrank geklebt, inkl. einer Packliste für seine Reisen. Er musste sich nur noch selbst anziehen. Die Kinder gingen zur Schule und Lucas hatte sowieso genug zu tun für das bevorstehende Abitur. Und spätestens zum Heiligen Abend würde ich ja auch wieder zurück sein. 

Generalstabsmäßig hatte ich unsere französische Austauschstudentin Clara gebrieft, was sie wann und wie zu erledigen hatte und ihr noch einmal 100 Euro extra in die Hand gedrückt mit den Worten: „Egal, was sie dir anbieten Clara: Du machst nur die beiden Bäder, wie immer. Clara verdiente sich neben dem Studium etwas dazu, in dem sie mir bei der Hausarbeit half. „Du lässt dich weder zum Einkaufen hinreißen, noch zum Bügeln und auch Autowaschen oder Kinderzimmer aufräumen lehnst du strikt ab. Das selbe gilt für das Katzenklo.“ Ihre Augen wurden immer größer und ich spürte ihn regelrecht, den Grippevirus, der sich durch ihren Körper bahnte und der dafür sorgen würde, dass sie sich einige Tage eher zum Weihnachtsfest ins heimische Paris verabschieden würde. „Aber Frau de Jong, Samsolina braucht seine saubere Katzenklo, sonst es machen überall auf Teppisch.“ Samson war unsere Hauskatze, eine Mischung aus Perser und Main Coon und feuerrot. Vor zehn Jahren war ein befreundetes Ehepaar mit dem Segelboot auf Weltreise gegangen. Sie hatten uns das kleine süße Fellbündel zur Pflege überlassen. Dass Samson für immer bleiben würde, weil unsere Freunde ihren Lebensabend – ganz überraschend – in einem indischen Aschram verbringen wollten, war damals nicht absehbar. So bestand die Familie de Jong aktuell aus vier Personen, einem Kater und einer französischen Studentin.

Sicher würden Arthur, K1, K2 und Clara bereits direkt am Ausgang auf mich warten und mit jedem Meter, den sich der riesige Vogel der Erde näherte, freute ich mich mehr auf meine Familie. Nicht, dass ich die Wochen mit Chrissy nicht genossen hatte oder auch die Begegnung mit dem Schweizer Felix. Es waren wunderbare Tage, die ich auf dieser landschaftlich einmaligen Insel mit meiner besten Freundin verbringen durfte. Doch mein Leben war hier. Am Stadtrand von München. Als Mutter, die sich gerade nach einem neuen Teilzeit-Job umsah, eine grundsolide Ehe mit einem holländischen Spießer führte, den sie dennoch so sehr liebte, wie am ersten Tag. Als Mutter zweier herzzerreißend süßer Kinder, die gerade pubertierten und bald ihren Weg in ein eigenes Leben finden würden. Ob mit oder ohne Abitur, wobei mit Schein natürlich schon deutlich besser wäre, wie Arthur nicht müde wurde zu betonen. 

Ich blickte nach draußen und sah für einen Moment etwas Sonne, die sich durch die winterliche Wolkendecke ihren Weg bahnte. Es war fast, als wollte sie mich verabschieden. Aus dem Sommer kommend und nun zurück in den Winter reisend. Ich schnappte mir mein Handgepäck. Zehen, Füße und Waden feierten eine Party, wohl wissend, dass sie in einigen wenigen Minuten auf den Luxus-WCs des Münchner Flughafens ihren Weg in die Freiheit würden finden. Ich überlegte kurz, ob ich die 60 Euro Antithrombose-Strümpfe gleich hier entsorgen sollte, entschied mich aber dagegen. Mein Zweit-Ich flüsterte mir da gerade was von: …Nicht, die letzte große Reise und so … Ich verließ die Maschine und warf einen letzten Blick auf den gutaussehenden Schwulen, der gerade in eine hellgrüne Fleece Jacke schlüpfte. Vielleicht doch ein Fußnagel-Lackierer? 

In der Flugzeugtoilette rollte ich auf dem Klodeckel sitzend die schwarzen, Venen komprimierenden, Ungetüme von meinen Waden und stopfte sie in meine Handtasche. Wieder draußen: Menschen. Viele Menschen. Sehr viele Menschen und irgendwo hinter dieser Traube aus roten, grünen, weißen und rosa Jacken und gefühlten 1500 Füßen erahnte ich das Kofferband. Ich war mir zu 100 % sicher, mein Koffer war noch nie verschwunden. Wenn eine Tasche abhandenkam, dann war es die von Arthur. Mal waren Hemden und Anzüge in Buenos Aires, Arthur aber in Brüssel. Beides mit B, wie Brioni, die Anzugmarke, die er dann notgedrungen vor Ort kaufen musste. 

Inzwischen hatte er sich angewöhnt, nicht nach Marken zu packen, sondern nach Städten. Nicht selten rief er dann durchs Haus: „Doro, hast du den grauen Moskauer gesehen? Nächste Woche soll es 30 Grad haben und ich dachte, ich nehme zu dem blauen Pariser noch den Moskauer mit.“Ganz hinten entdeckte ich meinen Koffer und drängte dezent einen Echtpelz-Kragen zur Seite, um ans Band zu gelangen. Schnellen Fußes und weg von den 1500 Paar Füßen ging ich zum Ausgang. Gerade als ich hinaus in den Wartebereich wollte, tippte mir eine Hand auf die Schulter: „Würden sie mir bitte folgen“, sagte der blonde jungenhafte Zollbeamte freundlich und schob mich nebst meiner Tasche in den Gang. 

Demnächst geht es weiter auf BeFifty mit  "Negative Schwingungen"

Habt Ihr den ersten Teil von Dorothee D. verpasst ? Einfach hier klicken: "Warum schwarze Strümpfe nicht immer sexy sind"

 

 

 

 

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