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Sylvie Fleury My Life on the Road Museum Villa Stuck bis 3. Oktober 2016

Das System ist (...) irgendwie zusammengebrochen, und ich glaube, dass es uns jetzt freigestellt ist, in der freien Welt wie in einem Warenkorb herumzuwühlen. (Sylvie Fleury)

 

Das Museum Villa Stuck in München lädt in diesem Sommer zu einer großen Einzelausstellung der Künstlerin Sylvie Fleury (geboren 1961 in Genf, wo sie heute noch lebt und arbeitet). Die Schau mit dem Titel „My Life on the Road“, nach dem gleichnamigen autobiographischen Roman der amerikanischen Feministin Gloria Steinem, umfasst etwa 60 Werke, welche in den vergangenen 25 Jahren entstanden sind. 

Ein überdimensioniertes, beleuchtetes „Yes to all“ – mit diesen drei Worten geformt aus farbigen Neonröhren begrüßt Fleury vom Balkon der Villa Stuck die Besucher. Eine Affirmation, ein lebensbejahender Satz, mit dem jeder etwas verbindet, ein Angelhaken für das, was in der Ausstellung zu sehen ist. 

Die Villa Stuck war einst das Wohnhaus und Atelier des Künstlers Franz von Stuck, der Architektur und Inneneinrichtung zu einem stimmigen repräsentativen Ensemble verband. In den historischen Räumen der Villa findet sich der Ausdruck all dessen, was Stuck als kultiviert, gebildet und geschmackvoll empfand. Ein Spiegel seiner Persönlichkeit, eine natürliche Fortsetzung seines Schaffens, ein Gehäuse seiner selbst. 

In dieses Gesamtkunstwerk drängen nun die Arbeiten von Sylvie Fleury und fügen sich dabei erstaunlich souverän in die historischen Räume. Fleury reflektiert subtil das Markenbewusstsein der Gesellschaft. Sie hinterfragt Marktmechanismen, Konsumverhalten und vor allem gängige Geschlechterrollen. Ihre Neoninstallation „Be Amazing“ bezieht sich auf einen Werbespruch der Kosmetikmarke Revlon. Fleury sagt dazu in einem Interview: „Anfang der Neunziger mussten Frauen permanent „amazing“ sein. Sie mussten im Berufsleben performen, sexy sein, Kinder kriegen, den Haushalt schmeißen. Und dann kauften sie einen Mascara von Revlon, der ihnen sagte: „Life can get heavy, Mascara shouldn´t“. Diese Paradoxien wollte ich zeigen. Damals war es nicht schwer, sich darüber lustig zu machen, weil die Modewelt viel naiver war als heute.“ Im gleichen Interview führt Fleury aus: „Mein Werk folgt der Logik eines Kochrezeptes, bei dem sich die Basis zwar ähnelt – Autos, Konsumwelt, Kleider, New Age -, aber jeweils anders verfeinert, gewürzt wird. Meine Themen sind meine Farben. Anstatt Grün und Blau und Gelb zu nehmen und auf die Leinwand zu bringen, nutze ich meine Themenpalette.“

Auf dem Parkett des ehemaligen Empfangssalons der Familie Stuck steht wie zufällig ein Ensemble von Luxuseinkaufstüten(„Acne“, 2014). Fleury wählte die Marken aufgrund von Anzeigen in Printmedien aus und erhebt diese zu Readymades im Sinne von Marcel Duchamp und Andy Warhol.

Eine raketenförmige Skulptur wird durch einen zart funkelnden Farbauftrag in einer angesagten Nagellackfarbe in ihrer Radikalität entschärft und in Beziehung gebracht zu einem Quadrat aus glitzernden Swarovski-Kristallen, das je nach Blickwinkel des Betrachters in allen Regenbogenfarben leuchtet („First Spaceship on Venus, 2015“, „4490“, 2011). 

Gegenüber liegt eine große Kugel aus weißem Kunstfell auf dem Boden, die zunächst an eine Pokemonfigur oder ein Furby erinnert („Gucci Satellite, 1997“). Erst auf den zweiten Blick erkennt man den kleinen Monitor mit einem Video, das einen weiblichen Fuß in einem Gucci Mule zeigt, der unablässig auf ein Gaspedal tritt. Die Künstlerin bekennt sich zur Faszination, die von der Haptik des künstlichen Fells ausgeht. Während in einer Ausstellung die Kunstwerke meist nicht berührt werden dürfen, fordere das Fell den Betrachter geradezu dazu auf, es zu berühren und zu streicheln. 

An die Wand gelehnt finden sich überdimensionierte Haarnadeln aus Edelstahl neben einer Rasierklinge, einer grell lackierten Autotür und einem scheinbar gerade abgestellten Motorrad („Gloria´s Triumph“, 2016). 

„Eternal Wow on Shelves“ aus dem Jahr 2008 befindet sich im Obergeschoss der Villa. Diese Arbeit erinnert jeden unserer Generation an das Schuhregal von Carrie in der Serie „Sex and the City“. Aneinander und übereinander gereiht stehen Fleurys hochhackige, getragene Luxusschuhe der letzten 30 Jahre vor einem verspiegelten Regal und repräsentieren nicht nur Modedesign, sondern auch besondere Momente im Leben einer Frau. 

Betritt man das angrenzende Atelier Stucks fällt zuerst eine überdimensionierte mit braunem Kunstfell überzogene Rakete ins Auge („First Spaceship on Venus“, 1999). Wieder gelingt es Fleury durch das verwendete Material die Form zu entfremden, man fühlt sich spontan an den freundlichen  Chewbacca aus Star Wars erinnert. Ein golden lackierter Einkaufswagen auf einem verspiegelten Podest, das beim Drehen leise Geräusche von sich gibt, wird zum Inbegriff des Konsums („Plumpity….Plump“, 2000). Das Objekt wird hier nicht nur zum Fetisch und finalem Statussymbol, sondern entpuppt sich in seiner luxuriösen Präsentation auch als höchste Optimierung eines eigentlich simplen Gebrauchsgegenstandes.

Blankpolierte verchromte Automotoren, einzeln präsentiert und wie Kostbarkeiten angestrahlt, werden noch einmal erhöht durch eine farbige Neoninstallation mit dem Wort „Radiant“(„Radiant2“, 2015, „283 Chevy“, 1999, „400 Pontiac“, 1999). Im nächsten Raum hängen zerschossene Taschen von Chanel an Zielscheiben, daneben läuft das Video, das die Künstlerin selbst und weitere Akteure bei Schießübungen auf die Luxusaccessoires zeigt („Chanel Bags (Cristal Custom Commando)“, 2008). Bei der erstmaligen Präsentation der Installation sollen japanische Besucherinnen beim Anblick der zerstörten Taschen in Tränen ausgebrochen sein.  

Auf einem Podest liegt ein goldfarbener Föhn aus Bronze in Form einer Pistole („Western Hairdryer“, 2009). Fleury rüttelt mit diesem alltäglichen Gebrauchsgegenstand in ungewöhnlicher Formeinmal mehr an Erwartungen, Klischees und Rollenbildern, die in unserer Gesellschaft besonders an Frauen gestellt werden. Was macht Konsum und unaufhörliche Selbstoptimierung mit uns? Wie beeinflussen Mode und Marken unsere persönliche Sicht auf die zentralen Fragen des Lebens? 

Die Ausstellung möchte genau hier ansetzen und regt an, zunächst spielerisch über diese Fragen zu reflektieren. Sylvie Fleury kommentiert subtil die Verführbarkeit von Luxuswelten, vertraut dabei aber immer der kritischen Intelligenz des Publikums. 

 1 Nieberding, Mareike: Be Amazing. Interview mit Sylvie Fleury, in: Interview, April 2016, Seite 130.

 2 Ebd., S. 134

http://www.villastuck.de/ausstellungen/2016/fleury/index.htm

Über die Autorin: 

Daniela Christmann ist promovierte Kunsthistorikerin und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie schon lange in München, reist gerne, liebt unterschätzte Kunst und Ausstellungen, die den Blick herausfordern.

 

©Fotos Daniela Christmann